Lauschend die Stadt erkunden:
Forschungsprojekt ermittelt den Zusammenhang zwischen Klangkulisse, Wohlbefinden der Menschen und Artenvielfalt in Parks
Von Robert B. Fishman
München. Wie klingt mein Park um die Ecke und welche Klänge tun mir gut? Fragen, die sich nur wenige bisher gestellt haben, beantworten die Hörspaziergänge der Ludwig-Maximilians-Universität in München, LMU. Forscherinnen und Forscher der LMU laden die Menschen in München zu begleiteten Hörspaziergängen ein. Die Teilnehmenden lauschen an vier Stationen aufmerksam auf die Geräusche in der Umgebung. Anschließend füllen sie jeweils einen Fragebogen aus. Die Wissenschaftler wollen nicht nur herausfinden, wie sich Klänge auf das körperliche und seelische Wohlbefinden der Menschen auswirken. Sie ermitteln auch, ob artenreiche Naturumgebungen das Wohlbefinden mehr fördern als Grünstreifen, in denen nur wenige Tiere und Pflanzen leben.
Meine Citysoundwalks-Reportage im Deutschlandfunk (Zeitfragen) zum Nachhören:
Am Eingang zur U-Bahn am Münchner Kolumbusplatz bittet Sophia Baierl ihre Gäste, sich in einer Reihe aufzustellen. „Wir schauen jetzt alle in die Richtung, wo der Bus dort hält.“ Alle rund 20 Teilnehmenden ihres Hörspaziergangs machen mit. Sophia bittet sie, die Augen zu schließen. „Aber nur, wenn ihr Euch dabei wohlfühlt.“ Kein Problem.
Sophia Baierl promoviert an der Ludwig-Maximilians-Universität am Lehrstuhl für Public Health und Versorgungsforschung im Fachbereich Gesundheitsförderung und Prävention.
In ihrem Forschungsprojekt geht es um die Frage, wie sich Klangkulissen in städtischen Grünanlagen auf das Wohlbefinden und die Gesundheit der Menschen auswirken. Und: Die Forscherinnen und Forscher wollen herausfinden, ob und wie die Artenvielfalt in einem Park das Wohlergehen der Menschen beeinflusst.
An der ersten Station stehen die Teilnehmenden vier Minuten still in der Reihe. Sie lauschen: Die meisten haben die Augen geschlossen. So nehmen sie Geräusche wahr, die im Alltag an ihnen vorbeirauschen: den Eingang zur U-Bahn-Station, eine quietschende Rolltreppe, Autoverkehr, gelegentlich einen Bus.
Ein Vogel oder eine quietschende Rolltreppe?
Anschließend fragt eine Teilnehmerin ihre Freundin, die neben ihr steht. „Hast Du den Vogel gehört?“ – „Nein“, antwortet die. „Ich glaube, das war das Quietschen der Rolltreppe.“
Nach jeder der vier Hörstationen füllen die Gäste auf ihren Handys einen Online-Fragebogen aus. Sie geben an, ob sie sich entspannt fühlen oder gestresst, erregt, vergnügt, gelangweilt oder belästigt. Und welche Arten von Geräuschen sie wahrgenommen haben: Naturklänge wie Wasser, Wind oder Vogelzwitschern, Verkehrslärm, Sirenen, Baulärm, Stimmen, Kinder…
Viele Fragen seien sogenannte validierte Instrumente, wie Sophia Baierl erklärt. „Das sind wissenschaftlich vorgetestete Fragen.“ Gemessen werden „die Stimmung der Teilnehmenden, ihr Erholungsgrad oder wie sie die Geräuschkulisse wahrnehmen“. Es gebe sogar eine DIN-Norm für die Durchführung von Hörspaziergängen und ihre Auswertung.
Die Forschenden wollen etwa wissen, ob „mir die Geräuschumgebung eine Pause vom Alltag gönnt“, ob ich beim Lauschen an meine Verpflichtungen denke oder ob diese Geräusche meinen „persönlichen Neigungen entsprechen“.
Zu jeder Frage klickt man auf einen Wert von eins, (gar nicht) bis fünf (sehr stark). Die Auswertungen gleichen Sophia Baierl und ihre Kolleginnen und Kollegen anschließend mit den Daten zur Artenvielfalt an der jeweiligen Stelle ab, die Biologen der LMU erhoben haben. „Wir schauen dann, welchen Zusammenhang es hier gibt.“
Die vier Hörstationen zwischen dem Kolumbusplatz und dem rechten Isar-Ufer haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach festgelegten Kriterien ausgewählt: keine allzu lauten Verkehrswege in der Nähe, gleich viele Grün- und Grauflächen, also eine ausgewogene Mischung aus Stadtgrün und bebauter Umgebung, kurze, flache Wege für Leute, die nicht so gut zu Fuß sind, und Standorte mit möglichst unterschiedlichen Geräuschen.
Beim Lauschen zur Ruhe kommen
Der gut einstündige Spaziergang führt auf kurzem Weg vom Kolumbusplatz an die Isar und wieder zurück. Am Fluss liegt ein kleiner Park, in dem Kinder spielen und Jogger ihre Abendrunden laufen. In Wurfweite verläuft Münchens wichtigster Fahrradweg, der die Stadt unterbrechungsfrei durchquert. Hier hört man die Radfahrer vorbeizischen.
Den Teilnehmern hat die Tour gefallen. Kilian zum Beispiel ist nach einer „stressigen Dienstreise“ beim stillen Lauschen „ein bisschen heruntergekommen“. Der 28-Jährige hat Dinge wahrgenommen, die er im Alltag „nicht gehört hätte“, etwa einen Vogel, der im Gebüsch wühlt. Seine Freundin Kathi, die an der Uni von dem Hörspaziergang erfahren hat, ist schon zum zweiten Mal dabei. Obwohl sie in München lebt, kannte sie die Gegend noch nicht. Sie freut sich, über den Soundwalk einen neuen Stadtteil zu entdecken.
Neben einigen Leuten aus der Uni und deren Umfeld hat sich eine Besuchergruppe aus Finnland der Tour angeschlossen. Katrine, wie ihre Kolleginnen und Kollegen um die 70, hofft, dass die Studie belegen wird, „wie wichtig Parks für die Menschen in der Stadt sind“. Sie solle Argumente für mehr Grün in der Stadt liefern.
Grünflächen für die Gesundheit
Davon geht auch Doktorandin Sophia Baierl aus. Aus zahlreichen Studien wisse die Public-Health-Forschung, wie entscheidend Grünflächen für die Gesundheit seien. Noch nicht belegt sei die Annahme, dass besonders artenreiche Parks das Wohlbefinden der Besucher und Anwohner mehr fördern als artenärmere.
Nächstes Jahr will das Forscherteam die Ergebnisse präsentieren. Die Stadt hat versprochen, sie bei ihrer Grünflächenplanung zu berücksichtigen.
3-30-300
Tatsächlich hat der im März neu gewählte grüne Bürgermeister Dominik Krause versprochen, in München die sogenannte 3-30-300-Regel umzusetzen. Von jeder Münchner Wohnung aus soll man mindestens drei Bäume sehen. In jedem Quartier sollen mindestens 30 Prozent der Fläche unter Baumkronen liegen und kein Wohnhaus soll weiter als 300 Meter vom nächsten Park entfernt stehen. Die Münchner Grünen sehen darin einen Beitrag zum Hitzeschutz. München ist die am dichtesten bebaute Großstadt Deutschlands. Bäume reinigen die abgasbelastete Luft und binden in Trockenzeiten Feuchtigkeit. Bei Starkregen nehmen sie Wasser auf, das sie über ihre Blätter verdunsten. So kühlen sie die Umgebung um bis zu 15 Grad. Die Webseite pflanzenforschung.de berichtet, dass ein Grünflächenanteil von 40 Prozent den Hitzestress im Sommer halbieren kann. Außerdem bieten große, alte Bäume und mit heimischen Pflanzen bewachsene Grünflächen Lebensraum für bedrohte Insekten und andere Arten.