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Wohnen im Tinyhaus: Klein, günstig, klimafreundlich?

Zuletzt aktualisiert am 3. August 2026 um 17:29

Am 28.7.2026 hat der Deutschlandfunk in der Reihe Zeitfrage mein Radiofeature über Tinyhäuser ausgestrahlt:

Immer weniger Menschen können sich eine eigene Wohnung oder ein eigenes Haus leisten. Die Baupreise steigen, die Mieten auch. Grundstücke werden immer teurer. Ein Ausweg: Wohnen im Tiny-Haus. Das sind Mini-Häuser mit bis zu 50 Quadratmetern Wohnfläche, die man als Fertig-Bausatz aus Polen schon für 50.000 Euro kaufen oder sich nach eigenen Wünschen auch in Deutschland bauen lassen kann. Das Problem: Man benötigt ein Grundstück und eine Baugenehmigung. Immer mehr Städte und Gemeinden haben die Marktlücke erkannt. Sie weisen Bauflächen für Tinyhäuser aus: Dortmund, Hannover, Warendorf, Rietberg in Ostwestfalen, Celle, mehrere Kommunen in Bayern und viele andere…Wer einmal ins Minihaus gezogen ist, will meist nicht wieder zurück in eine normale Wohnung. Und wer es richtig macht, kann mit dem Umzug ins Tinyhaus sogar Klima und Umwelt entlasten.

Foto: Modell-Tiny Haus M2 der Technischen Hochschule Köln / Tiny House Prototype M1 of Technical University Cologne, 21.4.2026 Foto: Robert B. Fishman
Modell-Tiny Haus M2 der Technischen Hochschule Köln / Tiny House Prototype M1 of Technical University Cologne, 21.4.2026 Foto: Robert B. Fishman

Wohnen im Tinyhaus: Mehr als ein Hype

Von Robert B. Fishman

Immer weniger Menschen können sich eine Wohnung oder ein Haus leisten. Die Baupreise steigen, die Mieten auch. Grundstücke werden immer teurer. Ein Ausweg: Wohnen im Tiny-Haus. Das sind Mini-Häuser mit bis zu 50 Quadratmetern Wohnfläche, die man als Fertig-Bausatz aus Polen schon für 50.000 Euro kaufen oder sich nach eigenen Wünschen auch in Deutschland bauen lassen kann. Das Problem: Man benötigt ein Grundstück und eine Baugenehmigung. Immer mehr Städte und Gemeinden haben die Marktlücke erkannt. Sie weisen Bauflächen für Tinyhäuser aus: Dortmund, Hannover, Warendorf, Rietberg in Ostwestfalen, Celle, mehrere Kommunen in Bayern und viele andere. Wer einmal ins Minihaus gezogen ist, will meist nicht wieder zurück in eine normale Wohnung. Und wer es richtig macht, kann mit dem Umzug ins Tinyhaus sogar Klima und Umwelt entlasten.

Rund 20 Menschen planen in einer gemütlichen Wohnküche am Bielefelder Stadtrand ihre gemeinsame Zukunft. Sie wollen zusammen in einer Tinyhaus-Siedlung leben: In jedem dieser Mini-Häuser wird je eine Person, ein Paar oder eine Familie auf höchstens 39 Quadratmetern wohnen.

Dazu haben sie die Genossenschaft „Guter Grund“ gegründet. Diese hat für die geplante Tinyhaus-Siedlung ein fast 7.000 Quadratmeter großes Grundstück in Erbpacht erworben. Sie verpachtet den Mitgliedern das Land weiter, damit diese dort ihre Tinyhäuser aufstellen können. Geplant sind 26 Mikrohäuser mit 20 bis 39 Quadratmetern für 39 Bewohnerinnen und Bewohner. Baubeginn: Frühjahr 2027. Größer als 39 Quadratmeter dürfen die Häuser nicht werden, weil nach den Landes-Bauvorschriften sonst zusätzliche Auto-Parkplätze angelegt werden müssten

In der Genossenschaft Guter Grund in Bielefeld haben sich nicht die Ärmsten zusammengeschlossen. Die meisten haben einen Studienabschluss, studieren oder arbeiten in sozialen oder technischen Berufen. Sie möchten in stabilen, gut gedämmten Tinyhäusern aus Holz und anderen nachhaltigen Materialien ressourcenschonend in Gemeinschaft leben.

Leben mit weniger Ballast

Der 51-Jährige Matze arbeitet als IT-ler an der Uni, rund 15 Fahrrad-Minuten vom geplanten Tinyhausdorf entfernt. Er will sich wie die meisten Tinyhaus-Interessenten das Leben leichter machen: Weniger Ballast, um den man sich kümmern muss und weniger finanzielle Verpflichtungen durch eine teure Wohnung, die ihn zur Arbeit zwingt. Sein Job macht ihm Spaß, aber „das Muss muss weg“, wie er lachend sagt.

Iris nickt. Die 52-Jährige hat früher in einem Zirkuswagen gelebt. Dort hatte sie alles, was sie brauchte: eine Minikommode für die Kleidung, eine Abwaschschüssel, ein paar Tassen und Teller, ein Bett, einen Ofen und Strom. Wie die anderen möchte sie in Gemeinschaft leben. In der Genossenschaft hat jedes Mitglied eine Stimme, unabhängig von der Summe, die er oder sie eingezahlt hat. Die Mitgliederversammlung entscheidet demokratisch über gemeinsame Anliegen wie den Bau des geplanten Gemeinschaftshauses, der Werkstatt, die im Carsharing gemeinsam genutzten Autos und den Gemeinschaftsgarten, in dem einige Mitglieder Gemüse für alle anbauen wollen.

Auch Isabel hat bisher ein sogenanntes normales Leben: Kinder, Haus, Job – „zu viel Arbeit, zu viel Putzen und zu wenig Zeit für mich“, wie sie sagt. Sie träumte von einer kleinen Hütte am Waldrand, nur für sich. Dann stelle sie fest, dass das „so ganz alleine auch doof“ wäre. Ihr ist es „egal, aus welcher Kaffeetasse sie trinkt, aber extrem wichtig, wer mit ihr am Lagerfeuer sitzt“.

Foto: Tiny House Siedlung in Bielefeld / Tiny House settlement in Bielefeld, 15.4.2026, Foto: Robert B. Fishman
Tiny House Siedlung „Am Grünen Band“ in Bielefeld / Tiny House settlement in Bielefeld, 15.4.2026, Foto: Robert B. Fishman

Tinyhaus-Hype

Tinyhäuser sind gefragt. In einer Umfrage des Baufinanzierers Interhyp sagten 2021 fast ein Viertel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, dass sie sich gut vorstellen könnten, in einem Tinyhaus zu wohnen. Die Gründe: geringere Baukosten, weniger Hausarbeit und nachhaltiger, umwelt- und klimafreundlicher leben. Und mit steigenden Baupreisen wächst das Interesse weiter.

Das Land Schleswig-Holstein berichtet in einer Broschüre für Kommunalverwaltungen, dass ein Bürgermeister auf die Ausschreibung eines Stellplatzes für ein Tinyhaus 700 Bewerbungen erhalten habe. Eine andere Gemeinde habe nach einem Bericht des NDR über eine geplante Tinyhaus-Siedlung mehr als 250 Anfragen aus dem In- und Ausland bekommen.

Zahlreiche Städte und Gemeinden weisen deshalb Baugebiete für Tinyhaus-Siedlungen aus. Sie möchten junge Leute anlocken. Meist sind es kleinere Kommunen wie Celle, Rietberg, Harsewinkel oder Warendorf. Aber auch Großstädte wie Dortmund, Hannover und Bielefeld haben das Potenzial erkannt.

Tinyhaus aus einer Hand

Der Tischler Brandan Thome baut in seiner Detmolder Werkstatt mit seinem Team Tinyhäuser. Der Laden brummt auch ohne Werbung.

Foto: Werkstatt der Firma Tech Tiny House in Detmold baut Tinyhäuser / Company Tech Tiny House building Tiny Houses in Detmold, 22.4.2026 , Foto: Robert B. Fishman
Werkstatt der Firma Tech Tiny House in Detmold baut Tinyhäuser / Company Tech Tiny House building Tiny Houses in Detmold, 22.4.2026 , Foto: Robert B. Fishman

Jedes Haus plant er zusammen mit seinen Kunden und Kundinnen. Sie bekommen bei ihm alle Gewerke aus einer Hand, inklusive Berechnung der Statik und der Wärmedämmung.

Homeoffice im Tinyhaus

Christina Schlingmann ist von ihrem Tinyhaus begeistert, obwohl sie sich wegen ihrer Gehbehinderung nur mit einem Rollator fortbewegen kann. Eine Rampe führt auf ihre Veranda. Von dort geht es direkt ins Haus. Überall kann sie sich an den Wänden abstützen. Die 58-Jährige führt durch ihr winziges Haus, in dem sie mit Mann und Hund wohnt: „Wir haben alles, was wir brauchen: einen vernünftigen Platz zum Schlafen, einen Sitzplatz, wo wir essen können, eine Küche und ein komplettes Badezimmer. Uns fehlt nichts.“

Sie arbeitet im Homeoffice für den Kundenservice der Deutschen Post. Sogar ihren Arbeitsplatz hat sie im Tinyhaus untergebracht. In einem der Einbauschränke im winzigen Wohn- und Esszimmer hat sie einen Computer mit Maus und Tastatur verstaut. Wenn sie arbeiten muss, holt sie das Gerät heraus. Nach Feierabend verschwindet es wieder im Schrank.

80.000 Tinyhaus-Fans

Gründe für einen Umzug ins Tinyhaus gibt es viele. Podcaster und Tinyhausbewohner Christian Klerner hat mit Gleichgesinnten die Online-Community TinyOn gegründet. Das Interesse, sagt er, sei enorm. Rund 80.000 Mitglieder zähle die Gemeinschaft inzwischen. Darunter seien viele ältere Leute, deren Kinder ausgezogen sind. Sie leben alleine oder zu zweit in großen Häuser, die sie mit zunehmendem Alter kaum noch unterhalten können. Kleinere Wohnungen sind schwer zu finden und kosten oft mehr, als der Verkauf von Siedlungshäusern aus den 60er oder 70er Jahren bringt. Viele sehen in einem  pflegeleichten Minihaus eine bezahlbare Alternative.

Auch Junge haben sich der TinyOn-Gemeinschaft angeschlossen. Ein eigenes Einfamilienhaus können sich angesichts gestiegener Bau- und Immobilienpreise kaum noch leisten. Viele junge Menschen in ihren Dreißigern möchten auch beweglich bleiben und nicht mit einem hohen Kredit binden. „Ich brauche einen Lebensmittelpunkt, wo ich mich wohlfühle, von dem ich abspringen kann, weil ich reisen will, und weil ich vielleicht auch mit dem Haus nochmal unterwegs sein möchte“, erzählt Chris Klerner. Er sieht hier „eine ganz neue Denke.“

Mit Ehefrau Carolin, Tochter Pauline und Hündin Bella wohnt er seit gut drei Jahren im eigenen Tinyhaus. Auf die Idee kam das Paar, weil es sich „auf das Wesentliche beschränken“ wollte. Klerner hat 14 Jahre in der Recyclingbranche gearbeitet. Sein Fazit: „Das beste Recycling-Konzept wäre, unnötige Dinge gar nicht erst herzustellen oder gar nicht erst konsumieren.“ Im Tinyhaus fühlt sich er sich „entschleunigt“. Seiner Partnerin gehe es ähnlich. Auf Reisen habe sie erlebt, dass alles, was sie wirklich braucht, in ihren Rucksack passt.

Für Töchterchen Pauline und Hündin Bella haben die Klerners angebaut. Möglich war das nur, weil ihnen das Grundstück gehört.

Spurlos abbaubar

Ihr Haus steht auf Punktfundamenten. Sie halten es stabil am Boden. Beliebt sind auch Schraubfundamente oder Ausleger, die das Haus auch bei Sturm fest an seiner Position halten. Entscheidend ist bei allen drei Varianten, dass man das Haus wieder abbauen kann, ohne Spuren zu hinterlassen.

Wer sich für ein Tinyhaus interessiert, sollte sich gründlich damit beschäftigen und vor allem auch mal in einem solchen Minihäuschen probewohnen, rät Christian Klerner. „Am besten im Winter, wenn man wenig draußen ist“ und wirklich mit dem Platz im Haus auskommen muss. Er finde kleine Räume „kuschelig und lümmelt sich gerne auf eine Couch“. Daher passe das Tinyhaus für ihn.

Kein Tinyhaus ohne Baugenehmigung, Statik-Berechnung und Wärmedämmung

Rechtlich gelten Tinyhäuser wie jedes Einfamilienhaus als Wohngebäude. Für diese benötigt man eine Baugenehmigung. Die Anforderungen richten sich bundesweit nach dem Baugesetzbuch und nach den Bauordnungen der Länder. Für den Bauantrag muss man Pläne eines Architekten oder einer Architektin vorlegen. Damit weist der Bauherr oder die Bauherrin nach, dass das geplante Gebäude die Regeln der Statik, der Wärmedämmung, des Brandschutzes und weitere Anforderungen erfüllt. Außerdem müssen Wohngebäude an die öffentlichen Wasser- und Abwasserkanäle angeschlossen werden sowie für Feuerwehr und Müllabfuhr erreichbar sein.

Brandan Thome, der für seine Kunden viele Tinyhäuser baut, hat noch weitere Tipps: Man solle die Anbieter anfragen, ob sie auch die Statik-Berechnungen für den Bauantrag liefern und ob das Haus alle rechtlichen und technischen Anforderungen an ein Wohngebäude erfülle.

Vorher in den Bebauungsplan schauen

Mindestens ebenso anspruchsvoll sind die Bebauungspläne der Gemeinden. Außerhalb geschlossener Ortschaften, also im sogenannten Außenbereich, darf man grundsätzlich nicht bauen – also auch keine Tinyhäuser aufstellen. Im Innenbereich regeln die Städte und Gemeinden, was wie und wo gebaut werden darf. Meist sind Dachneigungen, Zahl der Etagen und vieles mehr vorgeschrieben, was Tinyhäuser nicht erfüllen können.

Hinzu kommt, dass viele Bauämter keine oder nur vage Vorstellungen von Minihäusern haben. Meist denken sie, dass darin nur eine Person wohnen könne und man damit viel wertvollen Platz verschenke. Diese Erfahrung hat auch Chris Klerner von TinyOn gemacht. Er empfiehlt, mit den Leuten auf dem Bauamt zu reden und zunächst für ein kleines Einfamilienhaus anzufragen. Wenn die Menschen auf dem Amt verstünden, dass es um eine dauerhafte Bleibe geht und

mehr als eine Person im Tinyhaus wohnen kann, seien sie offener für das Konzept.

Foto: Tiny Haus der Technischen Hochschule Köln: Innenraum mit Mini Küche / Tiny House of Technical University Cologne: interior with small kitchen, 21.4.2026 Foto: Robert B. Fishmanto: Robert B. Fishman
Tiny Haus der Technischen Hochschule Köln: Innenraum mit Mini Küche / Tiny House of Technical University Cologne: interior with small kitchen, 21.4.2026 Foto: Robert B. Fishman

Ein solide gebautes Mini-Haus ist auf den Quadratmeter gerechnet meist teurer als ein Reihen- oder Einfamilienhaus. Chris Klerner rechnet mit 160.000 bis 180.000 Euro für ein gut gedämmtes, in Deutschland gebautes Tinyhaus, das als Bausatz oder fertig montiert mit einem Tieflader an seinen Standort geliefert wird.

Die meisten Tinyhäuser haben einen Holzofen oder eine Elektroheizung, meist im Fußboden verlegt. Manche nutzen auch Infrarot-Deckenstrahler. Entscheidend für den Energieverbrauch ist wie bei jedem anderen Haus die Dämmung. Wegen der im Verhältnis zum kleinen Innenraum vielen Außenwände ist die Isolierung hier aufwendiger und teurer als im Wohnungsbau. Dämmt man das Häuschen auf den aktuellen KfW-40-Standard, wird der Innenraum noch kleiner.

Mehr Außenwände, höherer Energieverbrauch

Weil die frei stehenden Minihäuser im Verhältnis zur Wohnfläche mehr Außenwände haben, als eine Wohnung oder ein „normales Haus“, fällt die Energiebilanz meist schlechter aus, als die eines modernen Ein- oder Mehrfamilienhauses. Bauingenieur Klaus Wember aus Bochum hat nachgerechnet: Er geht davon aus, dass selbst ein passivhaustaugliches Minihaus pro Person etwa dreimal so viel Energie verbraucht wie ein modernes Einfamilienhaus oder eine nach den aktuellen Regeln gebaute Wohnung. Dabei hat er mit 10 Quadratmetern Wohnfläche pro Person im Tinyhaus und mit 35 Quadratmetern je Bewohner*in in der Vergleichswohnung gerechnet.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Michael Wengert. Er forscht und lehrt an der Hochschule Biberach zu Konzeption und Planung nachhaltiger Gebäude. Im Tinyhaus benötige der oder die Einzelne wegen der deutlich geringeren Wohnfläche weniger Energie. Auf den Quadratmeter gerechnet, verbrauche das Minihaus allerdings mehr als doppelt so viel Heizenergie wie eine moderne Wohnung.

Foto: Modell-Tiny Haus M1 der Technischen Hochschule Köln / Tiny House Prototype M1 of Technical University Cologne, 21.4.2026 Foto: Robert B. Fishman
Modell-Tiny Haus M1 der Technischen Hochschule Köln / Tiny House Prototype M1 of Technical University Cologne, 21.4.2026 Foto: Robert B. Fishman

Die meisten Tinyhausbewohner möchten allerdings gerade nicht in einer Wohnung leben. Sie wollen ein freistehendes Haus für sich alleine. Und damit würden sie pro Person sicherlich mehr Energie verbrauchen.

Und: Wer im Tinyhaus wohnt, schafft sich schon deshalb weniger an, weil er oder sie dort deutlich weniger Platz hat. Nur damit fällt die Ökobilanz im Tinyhaus besser aus, als in einer herkömmlichen Wohnung.

Eine weitere Frage ist, ob Tinyhäuser einen Beitrag zur Linderung der Wohnungsnot leisten können. Die Antwort ist auch hier ein klares Jein.

Wohnungen sind in Deutschland auch deshalb so knapp und teuer, weil die Leute hierzulande in immer größeren Wohnungen leben. Nach Angaben des Umweltbundesamts ist die Wohnfläche pro Kopf allein in den letzten 15 Jahren von 46 auf 49 Quadratmeter gestiegen.  Hauptgrund: Immer mehr Menschen wohnen in relativ großen Wohnungen zu zweit oder alleine. Viel Wohnraum würde frei, wenn diese meist älteren Menschen in kleinere Wohnungen umziehen würden. Moderne kleine Wohnungen sind allerdings meist teurer als große alte Einfamilienhäuser. Wer sein in den 60er Jahren gebautes Reihenhaus am Stadtrand verkauft, bekommt für den Preis bestenfalls eine winzige Neubauwohnung – und oft nicht einmal das.

Pflegeheim mit Tinyhäusern

Das Ehepaar Rössler zum Beispiel hat nach 40 Jahren sein Haus verkauft, um in das Tinyhausdorf der Seniorenresidenz Reeswinkel zu ziehen. Eine kleine Wohnung wäre für die beiden keine Alternative gewesen. Die Rösslers wollten sich verkleinern, aber weiter im eigenen Haus mit viel Grün drumherum leben. Michael Rössler sieht im Tinyhaus einen guten Weg, ältere Menschen aus ihren zu großen, alten und meist schlecht gedämmten Häusern zu locken.

In Dahlerbrück, auf halbem Weg zwischen Lüdenscheid und Hagen, betreibt die Familie Mischnick eine privat geführte Seniorenresidenz mit 76 Pflegeplätzen. Für Angehörige und zukünftige Pflegeheimbewohner haben die Mischnicks auf ihrem Grundstück unter alten Bäumen acht Tinyhäuser gebaut. Die Idee: Angehörige können hier in nächster Nähe ihrer Liebsten wohnen, die im Pflegeheim untergebracht sind.

Foto: Aufgang zum Seniorenpark Reeswinkel in Dahlerbrück / entry of Seniorenpark Reeswinkel in Dahlerbrück, 28.4.2026, Foto: Robert B. Fishman
Aufgang zum Seniorenpark Reeswinkel in Dahlerbrück / entry of Seniorenpark Reeswinkel in Dahlerbrück, 28.4.2026, Foto: Robert B. Fishman

Auf ihren Stelzen sehen die roten Holzhäuschen aus wie Baumhäuser mitten im Wald. Drinnen ist alles mit modernster Technik ausgestattet. Geheizt wird mit Solarstrom vom Dach des Pflegeheims nebenan.

Die Rösslers haben ihren Umzug vor zwei Jahren „nicht eine Sekunde lang“ bereut. Ihr Vorteil: Unterstützung bekommen sie bei Bedarf schnell vom keine 100 Meter nahen Pflegeheim: Dessen Mitarbeiter holen die Wäsche ab und bringen sie sauber zurück. Wenn die Rösslers nicht selbst kochen möchten, bestellen sie das Essen in der Heimküche oder essen dort. Auf die Putzkräfte kommen auf Wunsch zu Ihnen. Allerdings müssen sie all diese Leistungen zusätzlich zu fast 1.000 Euro Miete bezahlen.

Die Einbaumöbel im Tinyhaus hat der handwerklich geschickte Michael Rössler selbst gebaut. Inzwischen ist der 70-Jährige fast blind und benötigt immer mehr Hilfe im Alltag. Seine Frau Dorle hat eine schwere Knochenkrankheit. Alltagsbewegungen fallen ihr immer schwerer. Beide sind froh um die Unterstützung, die sie in Reeswinkel bekommen. Und wenn es im eigenen Haus nicht mehr geht, können sie beide oder einer von beiden in einem fließenden Übergang ins Pflegeheim nebenan ziehen.. Auf weniger als 40 Quadratmetern haben sie alles: „ein Schlafzimmer, eine Küche, ein schönes Badezimmer mit bodengleicher Dusche, Wohnzimmer, wir haben da eine Büro-Ecke zum Arbeiten, ein Esszimmer und da sogar noch eine Diele“, erzählen die beiden lachend.

Tinyhäuser werden weder die Wohnungsnot beheben noch dazu führen, dass wir unsere Klimaziele erreichen. Aber sie können in einer Nische Lücken füllen. Sie eignen sich für Zwischennutzungen von Brachflächen wie am Grünen Band in Bielefeld. In Großstädten können sie Wohnraum in Baulücken oder auf Flachdächern schaffen.

Tinyhaus Infos:

Ein Tinyhaus, also ein sehr kleines Haus, ist zunächst nur ein winziges Gebäude, meist aus Holz. Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Gemeint sind in der Regel freistehende Häuschen mit bis zu 50 Quadratmetern Wohnfläche als dauerhaftes Gebäude oder mobil auf Rädern.

Interessenverband Tinyhaus

Tiny On: Tinyhaus-Gemeinschaft mit ca. 80.000 Mitgliedern, Beratung, eigenem Podcast und Ratgeber-Buch „Vom kleinen Wohntraum zum fertigen Zuhause“

Wissenschaftler der Technischen Hochschule Köln haben die beiden Muster-Tinyhäuser M1 und M2 entwickelt und die Bauanleitungen dafür zur freien Nutzung ins Netz gestellt. Die beiden Musterhäuser stehen auf dem Metabolon-Innovationsgelände des Bergischen Abfallwirtschaftsver­bands BAV. Nach Absprache kann man dort probewohnen.

 

Von Robert B Fishman

freier Journalist, Autor (Hörfunk und Print), Fotograf, Moderator, Reiseleiter und mehr

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