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Die Lebensmittelretter

Zuletzt aktualisiert am 18. April 2026 um 9:54

Zu gut für die Tonne

Wie Supermärkte und Foodsaver Lebensmittel retten

Von Robert B. Fishman

Langenberg/Westf. Jedes Jahr landen rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel ungenutzt im Müll. Das sind etwa 110 Kilo pro Einwohner in Deutschland. Das berichten das Bundeslandwirtschaftsministerium und das Umweltbundesamt auf ihren Internetseiten. Allein die privaten Haushalte werfen jährlich pro Kopf der Bevölkerung 74,5 Kilo Lebensmittel weg. Eine enorme Verschwendung von Ressourcen, die nicht nur Klima und Umwelt belasten. Obwohl die letzte Bundesregierung eine nationale Strategie gegen Lebensmittelverschwendung beschlossen hat, sind die Zahlen kaum gesunken. Das Ziel, die Abfallmenge bis 2030 zu halbieren, bleibt weit entfernt. Inzwischen sammeln in Deutschland, Österreich und der Schweiz rund 100.000 Ehrenamtliche übrige Lebensmittel ein, sortieren und verteilen, was noch essbar ist. Die Foodsaver genannten Lebensmittelretter haben viel zu tun, obwohl auch die Tafeln und andere karitative Organisationen Lebensmittel vor der Mülltonne retten.

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In einer dunklen, kalten Lagerhalle sortieren Tanja Pankoke und Jörg Schulte Lebensmittel in Plastikkörbe. Sie schneiden Packungen mit Paprikas, Äpfeln und Erdbeeren auf, sortieren die angefaulten, matschigen Früchte aus und legen die unbeschädigten in ihre mitgebrachten Warenkörbe. „Was schlecht ist, dürfen wir hier im Markt entsorgen, genauso wie die Materialien“, erklärt Tanja Pankoke. Die 49-Jährige ist eine von rund 100.000 Foodsaverinnen und Foodsavern in den deutschsprachigen Ländern. In ihrer Freizeit retten sie Lebensmittel vor der Vernichtung, indem sie sie vor allem aus Supermärkten abholen und verteilen, zumeist an Menschen mit geringem Einkommen.

Drei Mal die Woche kommen die beiden ehrenamtlichen Lebensmittelretter ins Edeka-Center LÜNING am Stadtrand von Langenberg, einer Kleinstadt bei Gütersloh in Ostwestfalen.

Auf seiner Internetseite präsentiert sich LÜNING als nachhaltig wirtschaftendes Unternehmen: Einige Bioprodukte bietet der Markt unverpackt an. Statt sie in Folie einzuschweißen, werden etwa Süßkartoffeln mit Lasern graviert. Kunden können sich Frischware in mitgebrachte Tupperdosen abfüllen lassen. An der Unverpackt-Station bekommen sie Nüsse und andere Trockenware direkt aus wiederbefüllbaren Spendern.

Handel mit Verantwortung

Marktleiter Daniel Uhland versteht das Motto des Unternehmens „Handeln mit Leidenschaft“ auch als Auftrag zum „Handeln mit Verantwortung“. Für ihn ist es eine „tolle Sache, Lebensmittel vor der Tonne zu retten“.

Natürlich koste es das Unternehmen Geld, die Ware für die Foodsaver zu lagern und zu kühlen. Dafür spart es bei den Ausgaben für die Entsorgung. „Ein Win-Win“, wie Uhland versichert. 80 Prozent der Lebensmittel, die der Markt aus dem Verkauf nimmt, finden so noch eine Nutzung.

Er verschenkt übrig gebliebenes Obst an einen Kindergarten und versorgt die örtliche Tafel. Einen Teil der Reste verkauft der Edeka auch über die App und die Internetseite „To Good to Go“, frei übersetzt: „zu gut für die Tonne“. Erst was danach noch übrig ist, holen die Foodsaver. Überall gilt „Tafel First“. Die Tafel hat immer Vorrang.

Jörg Schulte opfert seine Freizeit für die Lebensmittelrettung auch, um seinen drei Kindern ,6, 8 und 17 Jahre alt, ein Vorbild zu sein. Er will ihnen vermitteln, wie man respektvoll mit Lebensmitteln umgehen kann. Diesmal finden er und Tanja Pankoke mehrere Lagen abgelaufene Überraschungseier unter den aussortierten Waren des Markts. „Die Kinder werden strahlen, wenn sie die bekommen“, sagt Schulte lachend und ergänzt, dass sie zu Hause natürlich darauf achten, dass sich der Nachwuchs gesund ernährt.

Gesundes Essen aus dem Müll

Selbst das ist mit den geretteten Lebensmitteln kein Problem. Schulte und Pankoke verladen kiloweise Obst und Gemüse in ihren Lieferwagen. Das Benzin für die Fahrten zahlen sie selbst.

Nach Problemen mit der Lebensmittelaufsicht des Kreises Gütersloh verteilen die dortigen Lebensmittelretter ihre Ware nur noch im Familien- und Bekanntenkreis. Das Veterinäramt hatte darauf bestanden, dass sich die Foodsaver einzeln als Lebensmittelunternehmer registrieren oder einen Verein gründen, der diese Registrierung übernimmt und für die Lebensmittel haftet. Außerdem sollten sie für jede Charge einzeln Lieferscheine ausfüllen, in denen sie jede einzelne Chargennummer dokumentieren. Diesen Aufwand hätten sie als Ehrenamtliche nicht leisten können.

„Ein Missverständnis“, wie Kreis-Veterinäramtsleiter Thomas Kuhlbusch später auf Nachfrage versichert. Der Kreis habe „natürlich ein Interesse daran“, dass übrig gebliebene, essbare Lebensmittel nicht in der Mülltonne enden. Das Amt verstehe sich als Berater. Es reiche völlig, wenn sich die Lebensmittelretter bei der Kreisverwaltung so registrierten, dass man einen Ansprechpartner habe. Unproblematisch sei es, wenn die Lebensmittel direkt weiterverteilt würden. Die Lebensmittelaufsicht müsse nur Lagerstätten auf Einhaltung der Hygienevorschriften und der Kühlkette kontrollieren.

Um alle Risiken auszuschließen, haben sich die Foodsaver strenge Regeln gegeben: kein Fleisch, kein Fisch, keine Waren, in denen frische Eier verarbeitet wurden, wie der überregionale Foodsharing-Koordinator Frank Bowinkelmann erklärt. Gerettet würden vor allem Obst, Gemüse, Back- und Brotwaren sowie Molkereiprodukte, also Lebensmittel, von denen per se kein hohes Risiko für die Gesundheit ausgeht. „Diese Regeln haben wir mit Lebensmittelkontrolleuren erarbeitet.“

Strenge Hygieneregeln

Foodsaver, also Lebensmittelretter, werden ist nicht so einfach. Interessenten müssen online einen Fragebogen ausfüllen, einen Quiz bestehen, eine Hygieneschulung und ein Einführungsprogramm durchlaufen. Außerdem müssen sie unterschreiben, dass sie persönlich haften, falls jemand durch die Lebensmittel krank wird, die sie verteilt haben.

Trotzdem möchten viele mitmachen. In München etwa ist der Andrang so groß, dass zeitweise 800 Leute auf der Warteliste standen. Aktuell sind es zwischen 100 und 150, wie Brigitte Krabichler vom Promotionsteam der Münchner Lebensmittelretter berichtet.

In der bayerischen Landeshauptstadt haben die Foodsaver eine App und eine Internetseite eingerichtet, auf der sie ihre „Essenskörbe“ aus geretteten Lebensmitteln anbieten. Wer als erstes auf das Angebot klickt, kann es sich holen. Allerdings muss man sich dafür mit Name und Adresse auf der Seite registriert haben. Der Grund: Das Lebensmittelrecht schreibt vor, dass die Wege der Lebensmittel nachvollziehbar bleiben – etwa für den Fall, dass der Hersteller ein Produkt zurückruft.

Karin Reichel holt sich häufig gerettete Lebensmittel der Foodsaver. Sie lebt von einer bescheidenen Erwerbsminderungsrente. Die reicht im teuren München kaum zum Leben. Dennoch sind ihre Einkünfte für einen Berechtigungsschein der Tafel zu hoch.

Mehr als genug für alle

Die Lebensmittel, die Karin Reichel dieses Mal bekommt, hat Foodsaverin Brigitte Krabichler von einem Biomarkt um die Ecke erhalten. Sie holt sie dort ab und gibt sie ein paar Schritte entfernt am U-Bahnhof Max-Weber-Platz direkt weiter. Trotz der Winterkälte um die Null Grad hat sie die Milchprodukte noch im Lager des Markts in eine Kühltasche gepackt.

Krabichler ist seit mehr als zehn Jahren begeisterte Lebensmittelretterin. Nachdem sie immer mehr bekommt, als sie selbst verbrauchen kann, hat sie im Nachbarschaftstreff in ihrer Wohnanlage eine Verteilstation eingerichtet. So hilft sie mit den gesammelten Lebensmitteln ihren Nachbarn. Viele hat sie so erst kennengelernt. „Das stärkt ungemein das Gemeinschaftsgefühl“, schwärmt die engagierte Foodsaverin. Dazu sammelt sie „Karmapunkte“. Obwohl sie aus der Kirche ausgetreten ist: Essen wegwerfen nennt sie eine große Sünde. „Das geht in meinen Augen überhaupt nicht.“

Das sehen die beiden Foodsaver Jörg Schulte und Tanja Pankoke im westfälischen Langenberg genauso. Obwohl sie dreimal die Woche zum Lebensmittellretten ins Lager des Markts fahren, bekommen sie die Menge kaum in ihrem Lieferwagen unter. Jörg Schule füllt den vereinfachten Lieferschein aus:  „Backwaren, vier Kartons, Obst und Gemüse, das waren sechs halbe Kisten, 60 kg Obst und Gemüse, dann hatten wir ca. 20 kg Milchprodukte. Wir hatten Süßwaren, ein wenig, das waren in etwa 5 kg und wir hatten Sonstiges, waren auch nochmal 10 kg.“ Die Tour hat sich wie immer gelohnt.

Von Robert B Fishman

freier Journalist, Autor (Hörfunk und Print), Fotograf, Moderator, Reiseleiter und mehr

2 Antworten auf „Die Lebensmittelretter“

Hallo, diesen Artikel habe ich heute zugeschickt bekommen, nachdem ich auch mitbekommen habe, dass in Gütersloh um den Jahreswechsel Unstimmigkeiten mit dem Veterinäramt und den Foodsavern waren. Hey wie klasse ist das denn? Dass Supermärkte der Tafel und den Kindergärten spenden ist ja wunderbar. Das trotzdem noch so viele Lebensmittel weggeworfen würden ist echt schade. Schön wenn so eine Organisation dann in den Kreislauf mit einsteigen und die Müllmenge reduzieren kann. Man hört ja mal was aus den großen Städten, aber das passiert bei uns hier um die Ecke. Ein großes Lob an alle Ehrenamtlichen und ein schönes Zeichen für uns. Ein schön geschriebener Artikel, verständlich zu lesen und lesenswert bis zum Schluss.

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